Titel:

Julian ist eine Meerjungfrau

Autor*innen:

Jahr:

2020

Altersgruppe:

Verlag:

Knesebeck Verlag

Das Bilderbuch-Debüt „Julian ist eine Meerjungfrau“ der weißen US-amerikanischen Illustratorin Jessica Love ist minimalistisch in der Wortwahl gehalten und opulent in der Bildsprache: Es erzählt von der Sehnsucht des Schwarzen Hauptprotagonisten Julian, eine Meerjungfrau zu sein. In einer Schlüsselszene steht Julian vor seiner Großmutter, in weißer Unterhose und mit knochigen Knien, eine Spitzengardine um sich gehüllt, ein paar ausgerissene Farne auf dem Kopf und Lippenstift auf den Lippen. Ein verstohlener Blick seinerseits, ein überraschter von ihr. Dann ein Moment der Unsicherheit, sie verschwindet kurz– um eine Seite später mit einer Goldkette für Julian in der Hand zurückzukehren.

Bis zum Ende bleibt „Julian ist eine Meerjungfrau“ ganz nah bei Julian und seinem Wunsch. Das fällt positiv auf, denn auf diese Weise zentriert die Erzählung die Träume einer Schwarzen Hauptperson, lässt sie in ihrer Individualität fernab von Geschlechterstereotypen auftreten und stellt ihr in Form der Großmutter eine stärkende und unterstützende Schwarze Bezugsperson an die Seite. Nicht geschlechtsrollenkonform wahrgenommenes Verhalten erhält hier einen empowernden Rahmen und wird auch vom direkten Umfeld positiv aufgenommen.

„Julian ist eine Meerjungfrau“ weist dem Schwarzen Kind Julian eine aktive, für die Handlung zentrale Rolle zu und bietet einen empowernden Zugang zur Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und -stereotypen. Das Buch zeichnet sich darüber hinaus durch eine Vielfalt an Altersgruppen, Körpern, Körperformen und Hauttönen aus. Die Darstellung von dicken Schwarzen Frauenkörpern kann dabei sowohl empowernd als auch kritisch betrachtet werden. Ähnlich sieht es beim Motiv der Meerjungfrauen aus: Gerade für trans* Mädchen besitzt diese Figur oftmals Empowermentcharakter und wird auch von jungen Trans*-Aktivist*innen wie Jazz Jennings aufgegriffen. Zugleich stehen Meerjungfrauen mythologisch Mami Wata sehr nahe, einem spirituellen Wasserwesen, das in West-, Süd- und Zentralafrika sowie in der afrikanischen Diaspora sowohl als heilendes als auch zerstörerisches Wesen verehrt und/oder gefürchtet wird. Kritik wurde vereinzelt an Loves Darstellung der Meerjungfrauen geäußert, da diese als spirituell entwertete Verkörperungen Mami Watas gelesen werden können. Somit bietet das Bilderbuch vielschichtige Leseerfahrungen und Bezüge und lädt zu weiterführenden Gesprächen über eine Vielzahl an Themen ein. (Kinderwelten)

Preis: 13,00 €