Titel:

Mein Vater, der Pirat

Autor*innen:

Jahr:

2014

Altersgruppe:

Verlag:

Jacoby & Stuart

Jeden Sommer kommt der Vater des namenlosen Jungen für zwei Wochen nach Hause. Das Jahr über fährt er als Pirat auf einem Schiff über die Weltmeere. Die Abenteuer, die der Vater mit seinen Kameraden, dem Tätowierten, dem Bärtigen und Schirokko erlebt, erfüllen den Jungen mit Stolz, gebannt lauscht er seinen Erzählungen. Eines Tages kommt statt des Vaters ein Telegramm: Er hatte einen Unfall und liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Mutter und Sohn besuchen ihn dort. Die Erleichterung, die der Junge darüber verspürt, dass der Vater lebt, weicht der Enttäuschung, als er erkennen muss, dass der Vater ihn jahrelang belogen hat: Er ist gar kein Pirat, sondern arbeitet im Ausland als Bergmann unter Tage. Diese Enttäuschung erschüttert die Beziehung zwischen Vater und Sohn. „Ich wusste nicht, ob ich ihm nur Gutes wünschte“, fasst der Sohn seine Gefühle zusammen.

Jahre später, als der Sohn schon fast erwachsen ist und der Vater wieder bei der Familie lebt, kommt die Nachricht, dass die Mine, in der der Vater früher gearbeitet hatte, geschlossen wird. An diesem Abend erzählt der Vater von sich. In der Heimat gab es, damals, keine Arbeit. In der Ferne solle es Arbeit geben, hörte er und machte sich auf den Weg: schon immer träumte er davon, zur See zu fahren, reisend die Welt zu entdecken. Doch dort in der Ferne, wo es Arbeit gab, gab es kein Meer, nur ein Bergwerk, und er begann unter Tage zu arbeiten. Der Sohn beginnt, seinen Vater zu verstehen. „Mein Vater hatte mir also nicht einfach etwas vorgelogen. Er wollte ja wirklich zur See fahren.“ Gemeinsam machen sich Vater und Sohn auf den Weg zum Bergwerk. Dort trifft der Junge Elemente aus den früheren Erzählungen seines Vaters: über dem Eingang der Baracken steht das Wort „Hoffnung“, die alten Kumpel seines Vaters heißen „der Tätowierte“, „der Bärtige“, „Schirokko“. Der Junge begreift, dass Fantasie überlebensnotwendig sein kann: „Mein Vater, der große Pirat. Er war nie etwas anderes gewesen.“ Als Ausdruck dieser Versöhnung steigt der Junge auf einen Hochspannungsmast und hisst die Piratenflagge, die ihm der Vater vor vielen Jahren geschenkt hat und bringt so beide Welten bildlich zusammen.

In „Mein Vater, der Pirat“ geht es um eine Vater-Sohn-Beziehung und um das Erwachsenwerden. Der kindliche Stolz, den der Junge für seinen Vater empfindet, wird mit der Realität konfrontiert und wandelt sich zu einem realistischen Vaterbild eines jungen Erwachsenen, in dem Stärken und Schwächen wahrgenommen und akzeptiert werden. Die Geschichte zeigt auch, dass aus Enttäuschung Verständnis erwachsen kann, wenn Gefühle benannt werden. Verzeihen ist möglich, weil der Vater, den Mut aufbringt, sich dem Jungen zu öffnen und von seinem gescheiterten Lebenstraum zu erzählen und so den ersten Schritt zur Versöhnung zu gehen.

Die großformatigen Illustrationen untermalen die intensiven Gefühle, die diese Geschichte kennzeichnen. Zu Beginn des Buches sind sie in warmen Rot-Braun-Tönen gehalten und kippen ins Grau, als die Nachricht vom Unfall des Vaters eintrifft. Die Angst des Jungen um seinen Vater wird mit dem Bild einer riesigen Welle dargestellt, die das Schiff des Vaters zu verschlingen droht. Und als sie sich im Krankenhaus begegnen, sind das Gesicht des Jungen und des Vaters in Nahaufnahme zu sehen und wir erkennen die Enttäuschung in den Augen des Jungen, das Flehen in den Augen des Vaters und spüren den Schmerz der beiden. Mit dem beginnenden Verständnis des Jungen für den Vater wird die Farbgebung realistischer und unterstreicht so, dass der Junge gereift ist.

Das Unglück in der Mine ist tatsächlich passiert: im größte Grubenunglück der belgischen Geschichte in der Zeche „Bois du Cazier“ in Marcinelle/Charleroi verloren 1956 auch 136 italienische Bergleute ihr Leben. (Kinderwelten)

Preis: 14,95€